Jahresausstellung 05 

 
     
    
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Aus Sicht des anderen
(Zur Jahresaustellung 2005 des Künstlerbundes Tübingen e.V.)

Vielen Dank , sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin für diese freundliche Begrüßung. Und ich darf mich bei der Gelegenheit bei den Vertreterinnen und Vertretern des Öffentlichen Lebens für ihr Erscheinen bedanken.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Künstlerbundes Tübingen, liebe Förderer, in Abwandlung des Mottos dieser Jahresausstellung möchte ich den ersten von vier kleinen Abschnitten dieser Rede Ihnen widmen:

1. „Aus Sicht der dritten“
Ich unterstelle, dass Sie durch unsere Einladung zwar neugierig gemacht wurden , aber noch keine klare Vorstellung davon hatten, was Sie hier erwartet. Falls Sie bereits einen Rundgang gemacht haben und möglicherweise auf Ihrem Weg hierher die Möglichkeit zu einem Abstecher in die Galerie Künstlerbund und die Kulturhalle hatten, dann ist Ihnen bereits aufgefallen, dass neben aktuellen Arbeiten auch Arbeiten von 1978, 1996, 1999 , ja 1964 zu finden sind. Das deckt sich nicht mit den Erwartungen an eine Jahresausstellung, in der Künstler traditionell die ihnen selbst wichtigen, brandaktuellen Arbeiten zeigen; Arbeiten mit denen sie Ruhm, Ehre und vielleicht sogar einen materiellen Erfolg ernten können. Die Erklärung für diese Abweichung findet sich in dem Motto „Aus Sicht des anderen“. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, jeweils eine Kollegin oder Kollegen vorzustellen und zwar völlig unbeeindruckt von Aktualität und Entstehungsdaten und- wir haben uns dazu verpflichtet eben jene andere Sicht auch für uns selbst zu akzeptieren. Mit dem Wort kuratieren verwenden wir einen Begriff, der längst für Zeitgeist steht und häufig einen unangenehmen Beigeschmack hat. Sehr oft geht es den zeitgenössischen Kuratoren darum sich mit Hilfe von Künstlern als Material einen prominenten Platz auf einem dynamischen Markt zu sichern. So werden Kuratoren wegen ihrer originellen oder skurrilen Ausstellungen gelegentlich mehr gefeiert als die Künstler, die sie präsentieren. Das Ergebnis unseres Kuratierens ist dagegen ein dichtes Geflecht aus neuen Beziehungen unter Gleichgesinnten und Gleichgestellten. Damit hätten wir das Prinzip dieser Ausstellung erfasst - fast. Es liegt in der Natur der anderen Sicht, dass sie völlig andere Akzente setzt als die eigene Wahrnehmung, die Selbstwahrnehmung. So kommt es dazu dass Werke auftauchen, die von den Künstlern selbst der Vergangenheit zugeordnet oder als indiskutabel abgelegt wurden. Die andere Sicht wird aber auch von trivialen Dingen wie einer Sammlung von Scheren, von Arbeitsmaterialien, ja sogar in Form von Musik, die einer Kollegin wichtig ist, angezogen.

2. „Die Sicht des anderen.“
Als nächstes möchte ich darlegen wie es zu dieser Idee kam, die letztlich zu einer Ausstellung ohne Beispiel und ohnegleichen führte. Bei der Auswertung unserer letzten Jahresausstellung mit dem Thema „Speicher“ in der Kulturhalle war deutlich geworden, dass sich vor allem ältere Mitglieder unserer Gemeinschaft mit diesem Konzept nicht hatten identifizieren können. Unsere Kunst-Power-Ranger aus vorwiegend jüngeren und neu zum Künstlerbund gestoßenen Mitgliedern stellten bei der Gelegenheit fest, dass sie eigentlich von vielen Kolleginnen und Kollegen zu wenig oder gar nichts wüssten und dass das zu ändern sei. Und plötzlich stand die Idee der gegenseitigen Atelierbesuche im Raum. Und in kurzer Zeit wurde daraus ein Thema für die Jahresausstellung. Ich gebe zu, dass mich diese Offensive von Empathie und Gemeinschaftsgefühl verblüfft und zutiefst gerührt hat. Das ging wohl nicht nur mir so. Die Idee sich einmal nicht nur um sich selbst, sondern auch um einen anderen zu kümmern, hat uns Berufsegomanen elektrisiert. Zarte Ansätze von Widerspruch, die sich auf den Schutz der künstlerischen Intimsphäre bezogen, wurden von der Aufbruchstimmung weggewischt.
Ich gehe nun nicht auf die vielen verschwörerischen Sitzungen der Programmgruppe ein, die es wahrscheinlich mit Kaffeesatz-Lesen, wieder ausgegrabenen gruppendynamischen Kenntnissen und Erfahrungen , Pendeln und Auswürfeln schaffte irgendwie plausible Paarungen vorzuschlagen. Die Idee wurde immer klarer: Aus Sicht eines anderen sollte der oder die andere vorgestellt werden Der Auftrag hieß : Kontakt aufnehmen, einen Besuch im Atelier vereinbaren, sich einen Überblick verschaffen, Arbeiten aussuchen, einen be-gründenden Text verfassen und ein Präsentationskonzept zu machen. In der Umsetzung kam es zu unerwarteten Erfahrungen. Kolleginnen und Kollegen, die sich seit Jahrzehnten kennen, haben sich das erste Mal und dann auch noch wiederholt in ihren Ateliers und Lebensräumen besucht. Aber es gab natürlich auch Koordinationsprobleme. So hat die Planungsgruppe offensichtlich fahrlässig übersehen, dass meine Kuratorin im für die Atelierbesuche vorgesehenen Zeitfenster nicht disponibel war, weil sie ein Kind bekam. Dass sie dann doch noch ganze Arbeit geleistet hat, davon können Sie sich hier überzeugen. Übrigens wird in dieser Formulierung etwas für unser Konzept sehr typisches deutlich. Die eigentliche Verantwortung für diese Ausstellung tragen die anderen, nicht die einen, nicht man selbst.

3. Sicht und Standpunkt
„Aus Sicht des anderen“ unterstellt, dass der andere spezifisch sieht , nämlich anders und anderes als man selbst. Für viele von uns war das ein großes Erlebnis: dem anderen Menschen in seiner Umgebung zu begegnen. „Sicht“ wurde zum Staunen und Wundern. „Sicht“ hieß beeindruckt sein von Entwicklungen, von Lebens- und Verhaltensweisen, von persönlichem und künstlerischem Stil. Nun sollte es dabei ja nicht bleiben. Das Ziel war die Präsentation des anderen in der Ausstellung. Man kam um das Bekenntnis zum eigenen Standpunkt, zum eigenen Urteil und dessen Begründung nicht herum. In vielen Kommentaren zu den Präsentationen werden Sie auf beobachtete Gemeinsamkeiten, aber auch das Fremde als Motivation der Auswahl stoßen. Ich denke, dass das sich Besinnen auf den eigenen Standpunkt, auf das eigene Kunstverständnis, das was einem selbst in der Kunst am wichtigsten ist, ein Nebeneffekt dieses Vorgehens von großer Tragweite ist. Da ist aber auch noch etwas anderes. Über dreißig Jahre haben wir alljährlich unsere neuesten Arbeiten zur Leistungsschau eingereicht.. Jeder musste für Produktion, Auswahl und Präsentation gerade stehen. Das sah nun anders aus. Der Kunstverstand eines anderen mischte sich ein; unbefangen und unberührt von den persönlichen Problemen. Man be-gegnet einer oder einem, für die Kunst das ist, was es ja eigentlich auch für einen selbst ist: etwas für das man viele Opfer bringt und lebenslang gebracht hat. Aber auch etwas pulsierendes, antreibendes, das sich der Erklärung entzieht. Hier ersetzte die lebendige Begegnung die oft quälenden Diskussionen über Kunst. Dies ist eines der vielen besonderen Dinge, die dieses Projekt ermöglicht hat. Das Künstlerische potenziert sich in der Begegnung von Künstlern, denn die Künstler-Kuratoren suchten ja beim anderen auch wieder die Kunst. Die Gespräche und die Auswahl wiesen auf das uns alle verbindende Interesse an der Kunst zurück.

4. Die Partner der Künstler
Ich kehre zum Ausgangspunkt, der „Sicht der dritten“ zurück. Auch sie liebe Freunde der Kunst, sind in diesen Prozess mit einbezogen - auch wenn sie das bisher noch nicht wussten. Gespräche mit unseren jüngeren, vor allem auch im Geiste jüngeren Mitgliedern haben gezeigt, dass sie vielmehr an Sie denken als Sie ahnen. Mit einem Eifer, der das missionarische streift geht es darum Sie über den Kunstfreund hinaus zum Partner zu machen. Ich versuche zu formulieren: Sie sollen dem gymnasial-ästhetischen Formalismus ebenso abschwören wie der Gängelung durch den Kunstmarkt. Unsere Wunschpartner haben einen frischen Blick, der zum Wesentlichen, zum Kern der jeweiligen künstlerischen Arbeit vordringt, nüchtern, schnörkellos aber auch offen für Verspieltes und Vergnügtes. Als Chronist muss ich noch anmerken, dass sich noch nie so viele Kolleginnen und Kollegen an einer unserer Jahresausstellungen mit aktiver Arbeit beteiligt haben. Sie waren in der Programmgruppe, in Bautrupps, in der Hängekommission, als Fotograf, beim Schreiben und formatieren von Texten und Schildern engagiert. Ich muss auch anmerken, dass einige für die Sache und für die anderen bis zur Erschöpfung tätig waren. Das gilt vor allem für die Oberkuratorin dieser Ausstellung , Susanne Maute . Dir und Euch den Dank aller Kollegen. Ich hoffe , dass Sie, verehrte Damen und Herren, darin mit mir einig sind, dass es sich gelohnt hat. (---Blumen---) .Noch nie hat sich eine Künstlergemeinschaft, keine Gruppe Cobra und auch keine Lukas- Bruderschaft so ehrlich und zugleich liebevoll, so unprätentiös und ausschließlich an der Kunst orientiert, dargestellt. Wir finden das Ergebnis selbst so überraschend und den Prozess, der dazu führte so aufregend, dass wir ein Buch darüber machen wollen. Da dieser Entschluss erst vorgestern gefasst wurde, gibt es noch keine Sponsoren - Gespräche. Falls sich jemand spontan für dieses Projekt begeistern kann, würden wir uns freuen. Ein satter Sponsoren-Hinweis ist Ihnen sicher.
Aber zurück zu Ihnen. Das geht nicht ohne Sie. Das geht nicht ohne die Stadt, das geht nicht ohne das Stadt - Museum mit seinem kooperativen Leiter und hilfsbereitem Hausmeister, das geht nicht ohne Kulturamt und Kulturhalle, das geht nicht ohne das Wissen von über 200 Förderern getragen zu sein und auf deren Beiträge zurückgreifen zu können und es geht nicht ohne unsere Sponsoren und es geht nicht ohne Ihr Interesse, meine Damen und Herren.
Wie Sie schon aus unserem Jahresbrief wissen haben wir vier Jahresgaben zu sehr günstigen Bedingungen anzubieten, von denen noch einige Exemplare in der Galerie Künstlerbund zu haben sind. Ferner bieten wir am 14.12. um 19 Uhr in der Galerie Künstlerbund für alle Interessierten ein Gespräch mit Künstlern an. Ein weiterer Service sind Führungen durch unsere Ausstellung. Die erste wird am Sonntag, 18.12. um 15 Uhr sein. Eine zweite werden wir zwischen Weihnachten und Neujahr anbieten. Morgen findet von 19 -24 Uhr in unserem Druckzentrum die lange Nacht der Drucker mit Druck-Demonstrationen, Gesprächen und Ess-und Trinkbarem statt.
Und ich komme zurück zu meinem Problemwort kuratieren, bzw, zu dessen Stamm curare, heilen, sorgen. Sie sehen ,wir stellen Sie nicht unter Kuratel, wir kuratieren Sie auch nicht, aber wir sorgen uns -zumindest künstlerisch um Sie!
Herzlichen Dank dafür, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind und viel Freude an unserer Ausstellung.

Axel v. Criegern Tübingen, 8. Dezember 2005
   
   
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